MEINE ERLEBNISSE
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Gefühltes Leben

Meine persönlichen Erlebnisse, die Heinz Heilig für sein Gartenbuch 
„Die Welt vor meinen Füßen” aufgeschrieben hat


Ich strecke meine Hand nach einer Pflanze aus und fühle sie. Ist sie rau, ist sie glatt, ist sie weich? Wie riecht sie? Und plötzlich entsteht noch ein anderes Empfinden: Von mir fließt "etwas" zu dieser Pflanze in die Erde und von der Erde zu mir zurück durch meine Hand in meinen Körper an die Stelle, wo etwas fehlt, etwas gebraucht wird. Das merke ich erst im Erleben dieses Augenblicks. Gibt es noch etwas anderes zwischen dem Himmel, den Menschen und der Erde, etwas, das sich der Verstand zu erklären versucht und das das Gefühl einfach fühlt?

Ich bitte diese Pflanze, die ich essen will, abschneiden zu dürfen, warte einen Moment ab, bevor ich einen Teil von ihr nehme und bedanke mich bei ihr. Bislang glaubte ich immer, Pflanzenenergie gehe zurück und verwelke. Aber der Verstand ist eben nur begrenzt. Ich fühle wie sich der abgeschnittene Pflanzenteil in meiner Hand ausdehnt.

Vor 10 Jahren entstand in meinem Inneren eine Sensibilität, die mein Leben veränderte. Ich zog aus der hektischen, lauten Stadt auf das Land und suchte mir einen Platz, an dem mein Herz sich weitete: ein altes Haus ohne Strom und Wasser, aber mit einer offenen Feuerstelle. Dort fing ich an zu bauen. Etwas Neues wurde geboren. Ein Leben in Stille begann. Lehm, Holz, Stein, Ton, gefühlte Formen und Farben.

Ich stelle meine nackten Füße auf das Holz, das ich verwenden will und fühle in mich hinein. Wie fühlt es sich an? Wie reagiert mein Körper auf das Material? Komme ich innerlich dazu in Kontakt? Und so entdecke ich, dass es Unterschiede gibt. Ich spüre den Fluss in meinem Körper, wenn er sich mit dem einen Material verbindet, Wohlgefühl erzeugt und dass anderes unbedeutend bleibt.

Ein Spiel mit Material, Formen und Farben beginnt und harmonische Verbindungen zwischen Altem und Neuem entstehen.

Um wieder Kraft zu schöpfen, gehe ich gern zu den Bäumen, die mich anziehen, zu deren Wurzeln, um eigene Wurzeln stärker werden zu lassen. Lieblingsorte, die so zauberhaft sind, wo sich mein Körper ausdehnt und ich manchmal ein sanftes Umhüllen spüre, an unterschiedlichen Stellen plötzlich durchlässiger werde, ein fließender Austausch zwischen der Erde, dem Baum, den Pflanzen und mir entsteht. Etwas Nährendes von innen nach außen und zurück.

Mit allen Sinnen beginne ich, mein neues Haus und den Platz drum herum langsam zu erobern. Immer der Nase nach stoße ich auf den typischen Wildpflanzen-Geruch von Gundermann, erdig würzig, Giersch und Brennnessel und einer Vielfalt anderer, wild wachsender, essbarer Pflanzen. Unberührte Natur, hier kann ich den Verstand einmal vergessen, tiefer in mein eigenes Wesen gehen und es in der Stille fühlbar erkunden - was ist wirklich da, was ist wirklich wichtig? -, um schließlich zu meinem Wesenskern zu gelangen: die eigene unberührte Natur und meine Ressourcen. Auch andere, für meinen Verstand unerklärliche Dinge sind hier für mich zu sehen und zu fühlen. - Die Ausrichtung ist immer in Richtung Wohlgefühl und Harmonie.

Von Menschen, die hierher kommen, höre ich oft: „Hier werde ich an meine Kindheit erinnert, es ist wie im Paradies oder wie vor 100 Jahren.” Obwohl das Haus im Jahre 1800 gebaut wurde, hat es bisher niemand bewohnt. Ich bin die Erste und weiß, die unberührte Natur zu schätzen. So entdecke ich mein Haus und die Pflanzenköstlichkeiten rund herum: wilde Natur - innen wie außen.